Schwarze Götter im Exil / Publikationen / Pierre Verger
URL: http://schwarze-goetter-im-exil.de/deu/pub/interview-gil.html
Gespräch mit Pierre Verger
Interview von Gilberto Gil am 8. Februar 1996, drei Tage vor Vergers Tod
GG: Guten Tag, Meister! Wie geht es Ihnen? Und wie steht's hier im Hause?
PV: Es geht so.
GG: Ist die ganze Stiftung hierher gezogen?
PV: Ich weiß nicht genau. Die Bücher sind da, und ich habe
eine ganze Reihe von Tonbandaufnahmen, allerdings kein Gerät, um
sie abzuspielen. (Lachen)
GG: Ihre Aufnahmen aus Afrika?
PV: Ja, das sind Dinge, die ich in Afrika gemacht habe.
GG: Aus der Zeit in Ibadan?
PV: Ja. Da war ich mehr als 15 Jahre.
GG: Waren Sie damals in Ibadan an der Universität tätig?
PV: Ich war an den Universitäten von Ibadan, Oschogbo und Ifé.
GG: In Oschogbo gibt es doch den Fluß der Göttin Oxum.
PV: Ja, richtig. Das Fest von Oxum wird dort am 5. August gefeiert.
GG: Und Sie sind 15 Jahre geblieben?
PV: Noch länger, fast 17 Jahre. Ich kam zuerst für ein Jahr
und kehrte dann immer wieder dorthin zurück, was viel besser war,
weil man keine Zeit hatte, sich einzugewöhnen. Wenn man weggeht und
zurückkommt, heißt es jedes Mal: "Wie schön, daß
du wieder da bist!" (Lachen)
GG: Sind Sie damals schon wegen des candomblé dorthin gegangen?
PV: Ja. Ich bekam das erste Stipendium, weil ich Fotos von afrikanischen
Festen in Recife gemacht hatte.
GG: Da waren Sie schon in Bahia gewesen, waren in Bahia?
PV: Ich war in Bahia, ja. Und in Recife war ich 1947. Ich bin 1946 nach
Bahia gekommen.
GG: Direkt aus dem Fernen Osten?
PV: Nein, von Peru aus.
GG: Von Peru aus. Dann hatten Sie den Fernen Osten schon früher
bereist?
PV: Ja, das war vorher.
GG: Warum sind Sie seinerzeit nach Fernost gegangen?
PV: Da war ich viel früher, 1934, während des Krieges zwischen
Japan und China, weil ich einen Vertrag hatte, um Fotos zu machen als
Bildmaterial für Berichterstattungen…
GG: Über den Krieg?
PV: Ja, über den Krieg. So habe ich China, die Philippinen und später
auch Indochina kennengelernt.
GG: Von 1934 bis wann?
PV: Bis etwa 1940. Danach fuhr ich nach Mexiko und an verschiedene Orte
in Südamerika. Und schließlich wurde ich nach Dakar geschickt.
GG: Nach Dakar?
PV: Ja.
GG: Immer noch als Fotokorrespondent?
PV: Nein, als französischer Soldat.
GG: Als Soldat?
PV: Als französischer Soldat.
GG: Aha! Das heißt, es erging Ihnen so ähnlich wie Sartre.
Sie waren Soldat und hatten dort eine Sonderaufgabe, die nicht unbedingt
der Krieg war: Sie machten Fotos. (Lachen) Sie waren so etwas wie ein
fotografierender Soldat.
PV: Nein, ganz und gar nicht… Leider bringen Nationalitäten unsinnige Dinge mit sich. Da mein Vater Belgier war und eine Firma in Paris gründete, wurde ich in Frankreich geboren. Ich studierte Französisch, absolvierte den Militärdienst in Frankreich, und sie drückten mir ein Gewehr in die Hand, um Deutsche zu töten. Hätte mein Vater zufällig den Zug nach Berlin genommen, wäre ich in Deutschland geboren worden und hätte ein Gewehr erhalten, um Franzosen zu töten. Das ist eben Patriotismus.
GG: Warum nun Ihr Beschluß, in Brasilien zu bleiben? Denn bis dahin
hatten Sie den Fernen Osten bereist, waren in Mexiko und Peru gewesen,
waren nach Afrika zurückgekehrt und plötzlich beschließen
Sie, sich in Brasilien niederzulassen. Was hat Sie so begeistert?
PV: Bahia besitzt einen gewissen Charme, der Ihnen womöglich nicht
weiter auffällt, weil Sie hier geboren sind.
GG: Welche anderen Länder haben den etwa nicht?
PV: Ja sicher. Und früher war der natürlich noch viel größer
als heute, aber es ist immer noch genügend Charme vorhanden. Tatsache
ist, daß ich 5 Jahre in Peru bei den Indios gelebt hatte. Das sind
interessante Leute, aber ziemlich verschlossen. Sie haben Schwierigkeiten,
sich anderen mitzuteilen. Als ich hierher kam, traf ich aufgeschlossene,
nette Leute, richtige Freunde. Dieses quicklebendige Ambiente, das man
hier vorfindet. Das erweckte in mir angenehme Erinnerungen an alte Zeiten
in Paris, als ich karibische Tanzveranstaltungen besuchte, die Bal Nègre
hießen. Ich bin samstags oft dorthin gegangen, wo ich mit all jenen
Hausangestellten, Kellnerinnen und Chauffeuren zusammenkam, die sich die
Woche über von öden Franzosen demütigen lassen mußten.
Sie tranken Zuckerrohrschnaps und tanzten viel. Das war die Atmosphäre,
die auch hier im Karneval herrscht, zum Beispiel beim Samba auf dem mercado
modelo.
GG: Wann war das genau?
PV: 1946, als ich nach Bahia kam. Ich fand diese Atmosphäre wieder,
wie ich sie bei den Leuten von den Antillen in Paris erlebt hatte, und
ich fühlte mich wohl hier.
GG: Der erste Tag, als Sie hier ankamen… Waren Sie wegen "Jubiaba"
gekommen? Hatten Sie das gelesen?
PV: Ja, ich hatte das Buch von Jorge Amado gelesen, das mit dem Titel
"Bahia de Tous les Saints" ins Französische übersetzt
worden war.
GG: Sind Sie mit dem Schiff hierher gereist?
PV: Ja, ich bin mit dem Schiff, der "Comandante Capelo", hier
angekommen. Wir brauchten zehn Tage von Rio aus. Das war die letzte Fahrt
dieses Dampfers. Ich ging ins Hotel Chile, das hatte nach hinten raus
eine Dachkammer mit einem wunderbaren Blick auf den Hafen. Die gibt es
immer noch, allerdings steht jetzt nebenan ein großes Gebäude,
das die ganze Sicht versperrt. Ich mochte diesen Ort sehr. Danach habe
ich einen Laden gemietet an der neuen Straße nach Taboão.
Das war auch ein sehr malerischer Ort, vorbeiziehende Esel…
GG: Und Sie haben sich dort eine Art Atelier eingerichtet?
PV: Nein, das war im dritten Stock bei Nina Rodrigues, in einem Labor
in der Leichenhalle…
GG: Ja, daran erinnere ich mich.
PV: Über Piquecs, der war Gerichtsmediziner. Das war das erste Mal
in meinem Leben, daß ich mit menschlichen Leichen zusammengelebt
habe. (Lachen)
GG: Wie erklären Sie sich das Phänomen der Vereinigung von
orixás im bahianischen candomblé, die aus verschiedenen
Gegenden stammen, aus Nigeria, Benin und sonstigen Ländern, mit einem
Wort, die Bantu-Seite. Sind Sie der Ansicht, daß sich die orixás
hier in Bahia vereint haben?
PV: Die Nagô-Yorubá waren ein Teil, die Bantu der andere
Teil, aber sie haben sich keineswegs miteinander vermischt.
GG: Auch nicht hier in Bahia?
PV: Nein, sie haben sich nicht vermischt. Weil die Nagô-Yorubá-Leute
der großen candomblés von den anderen imitiert wurden. Sie
waren gewissermaßen die Lehrmeister der anderen, die nicht einmal
die Namen ihrer Götter in der eigenen Sprache kannten und die Nagô
imitierten. Ich interessierte mich daher mehr für die Nagô,
das war naheliegender. Vor allem, weil ich in Afrika bei ihnen gelebt
hatte und es mir gelungen war, da recht tief einzudringen. Und zwar dank
des Wissens, das ich dort erworben hatte. Das ermöglichte mir, mit
diesen Leuten zusammenzusein, ohne je etwas fragen zu müssen. Ich
lebte mit den Leuten, als wäre das, was sie tun, ganz natürlich,
weil ich wußte, wie ich mich zu verhalten hatte. Als ich mit dem
Halsschmuck von Xangô ankam, den Dona Senhora mir angefertigt hatte,
weil ich vor meiner Abreise eine Initiation bei ihr gemacht hatte, sahen
die Leute, daß ich gewisse Dinge wußte. Als ich vor Xangôs
Altar stand, rief ich "Kawo kabiyesi lé", vor dem Altar
von Oxum "Oraieieo" und bei Oxalá "Epababá".
Gott sei Dank war es das, was ich sagen mußte.
GG: (Lachen)
PV: Es geht darum, sich für einen der Ihren zu halten.
GG: Und die Trance, die Verkörperung des orixá?
PV: Für mich ist das keine Verkörperung. Für mich ist das
eine Manifestation der wahren Natur des Menschen. Eine Möglichkeit,
alles zu vergessen, was nichts mit einem selbst zu tun hat. Wie ich, Franzose
zu sein, um Deutsche zu töten. All das ist in einem drin, existierte
schon, ehe man diesen Blödsinn lernte, das mit den Nationalitäten
und anderen Verhaltenszwängen.
GG: Haben Sie dieses totale Vergessen selbst erlebt?
PV: Leider nicht. Weil ich ein Idiot von einem Franzosen bin, ein Rationalist.
Ich komme nicht vor in dieser Geschichte, weil ich nicht an diese Dinge
glaube.
GG: Warum meinen Sie, daß Exú der menschlichste aller orixás
ist?
PV: Weil er Fehler hat. Er hat Fehler und gute Eigenschaften. Das ist
für eine Gottheit unerträglich.
GG: Aber die haben die anderen orixás doch auch. Ogum tötete,
konnte pervers sein, vergewaltigte, bereute es eines Tages und beschloß,
sich zu zu begraben!
PV: Ja, wer Wasser im Gesicht hat, wäscht sich mit Blut.
GG: Und Xangô auch?
PV: Xangô auch.
GG: Dann sind sie in diesem Sinne alle menschlich. Warum glauben Sie,
daß Exú noch menschlicher ist als die anderen?
PV: Weil er Makel und Vorzüge gleichermaßen besitzt.
GG: Das ist das Charakteristische an ihm. Darin besteht die ihm eigene
Qualität!
PV: Und er besitzt auch diese leicht erotische Seite, die ziemlich menschlich
ist.
GG: Na klar,… klar.
Etwas anderes, Verger, und zwar das Buch hier über die Heilkräuter.
Haben Sie dieses ganze Wissen sowohl in Bahia als auch in Afrika katalogisiert,
vor allem aber in Afrika?
PV: Ja, hauptsächlich in Afrika. Allerdings hat mich die Sache anfangs
nicht besonders interessiert. Und darum ist es zustandegekommen.
GG: Hatten Sie Gelegenheit, viele von diesen Rezepturen auszuprobieren?
Oder haben Sie nur die Informationen gesammelt?
PV: Ich habe die Dinge nur aufgeschrieben. Eigentlich berührte mich
das nicht. Und gerade deshalb hat es funktioniert…
GG: …und weil es Sie nicht interessierte, haben Sie gefragt: Warum
dies? Warum das?
PV: Ein "Warum" gibt es in meinem Vokabular nicht.
GG: Gewiß, gewiß…
Nun bis zu welchem Punkt… Sie sagen ja selbst, daß Sie kein
Glücksempfinden verspürten, kein Glück hatten… kurzum,
inwieweit haben Sie in der Trance die vollkommene Erfahrung der Realität,
das absolute Vergessen im orixá, die Hingabe an die reine Energie,
etc., etc. erlebt? Bis zu welchem Punkt fühlten Sie sich als Verstandesmensch,
als Franzose, als Mensch, der dem fern ist, und bis zu welchem Punkt fühlen
Sie sich heute dieser Welt der Yorubá, dieser Welt der orixás,
zugehörig?
PV: Mehr als Bewunderer. Ich bewundere, was diese Religion für die
Nachfahren der Afrikaner zu tun vermag. Als Beispiel möchte ich Balbino
anführen. Als ich ihn kennenlernte, war er ein kleiner Okra-Verkäufer
auf dem Markt, allerdings ein Mensch, der, wie heute, vollauf mit sich
zufrieden war. Er selbst fühlte sich von niemandem gedemütigt
und redete mit jedem wie mit seinesgleichen, weil er der Sohn Xangôs
ist. Das ist großartig. Er ist kein schüchterner Typ, der von
den Leuten beschützt werden wollte, im Gegenteil, er fühlte
sich imstande, andere zu beschützen, er, der keinen Cent in der Tasche
hatte. Er war ein Sohn Xangôs…
GG: Haben Sie diese Art von innerer Gelöstheit noch bei einem anderen
Menschen erlebt? Kennen Sie noch ein anderes typisches Beispiel?
PV: Ja, und zwar eine Frau, eine Dame von einer gewissen körperlichen
Majestät, die Obst auf dem Markt feilbot. Ihr Verkaufsstand hieß
bezeichnenderweise "Die Siegerin", was schon alles besagt. Und
sie trank ausschließlich Vencedor-Wein [d.h. Siegerwein]. Der schmeckt
mir auch… Das alles machte eine Person, die eigentlich nur eine
einfache Gemüsehändlerin war, zu einer Frau von Würde,
die von jedermann respektiert wurde.
GG: Sie glauben nun, daß dieser Aspekt, die afrikanische Kultur,
ihre Bräuche, ihre Religion, etc. für das Volk von Bahia, für
das schwarze Volk von Bahia, eine tiefere Bedeutung hat. Wie sehen Sie
dies im Hinblick auf ganz Brasilien? Werden die afrikanischen Elemente
Brasilien helfen, seine eigene Identität zu offenbaren? Wie denken
Sie darüber?
PV: Interessant ist, daß die einzelnen Religionen respektvoll miteinander
umgehen. Denn wer von Xangô abstammt, wird niemanden von Oxum oder
irgend jemand anderen verachten. Ich stamme von Xangô, du von Oxum,
alles klar; man versteht und ergänzt sich und hat keine Probleme
miteinander. Wenn man bedenkt, was zwischen Protestanten und Katholiken
alles geschieht, die bringen sogar hier die Gläubigen um. Da passieren
ganz fürchterliche Dinge.
GG: Und Sie glauben, daß diese tief empfundene Toleranz, dieses
tief verankerte Verständnis, diese Akzeptanz des anderen, was charakteristisch
für die afrikanischen Religionen ist, grundlegende Bedeutung für
Bahia hat? Sind Sie der Meinung, daß auch Brasilien davon durchdrungen
ist?
PV: Allem Anschein nach ja. Der Katholik bringt Leute um, die keine Katholiken
sind. Hier ist es genau das Gegenteil. Jeder hat seinen Heiligen, seinen
Namen, seinen besonderen Charakter und respektiert den anderen. Und es
kommt keiner daher und zwingt einen, an seine Ahnen zu glauben oder nicht.
Das gibt es nicht, weil er den anderen, der andere Gaben, Eigenschaften
und Fähigkeiten besitzt, von Grund auf respektiert.
GG: Nun zu Ihrem Bildband "Retratos da Bahia", ein sehr schönes
Buch, das Sie Dona Senhora gewidmet haben. Sie haben mir gesagt, daß
das Leben früher besser war…
PV: Na klar! Erstens, weil ich jünger war! (Lachen)
GG: (Lachen) Glauben Sie tatsächlich, daß es besser war?
PV: Es war zweifellos besser. Damals kamen die Leute so gegen fünf
nach Hause, duschten sich mit einer Kalebasse ab, weil es kein fließendes
Wasser gab. Man setzte sich auf einen Stuhl vors Haus, unterhielt sich
mit dem Nachbarn, klatschte ab und zu in die Hände und tanzte eine
kleine samba ronda. Heute ist das nicht mehr so. Die Leute kommen nach
Hause, um sich diese kommerziellen Fernsehsendungen anzuschauen, und keiner
kennt den Nachbarn.
GG: Wie sahen damals die Armenviertel aus? Auf der einen Seite gab es
das Zentrum von Salvador, das Santo Antonio, das Carmo, die Rua Chile,
die Avenida Sete, das Barra, das Graça, schließlich das Rio
Vermelho, das schon ein ärmlicheres Viertel war… Sind Sie auch
in die Armenviertel an der Peripherie gegangen?
PV: Selbstverständlich bin ich da gewesen.
GG: Wo sind Sie beispielsweise hin und wieder hingegangen? Waren Sie
in Itapoa?
PV: Ich bin bis zum Amaralina rausgelaufen, um am Ozean Kokoswasser zu
trinken und einen Strandspaziergang zu machen.
GG: Da gab es damals schon ein Fischerdorf im Nordosten vom Amaralina.
PV: Aber noch keine Straße. Man mußte zu Fuß dorthin
gehen.
GG: Und auf dieser Seite der Halbinsel von Itapagipe, Paripe, Peri Peri,
sind Sie auch in diesen Ortschaften gewesen? Haben Sie die auch besucht?
PV: Ja, ich war dort. Ich bin oft zur Insel gegangen, um das terreiro
de Egun aufzusuchen. Wir gingen samstags los, verbrachten den Sonntag
dort und kamen Montag morgen wieder zurück.
GG: Das war meines Wissens damals das einzige terreiro de Egun in Brasilien.
PV: Ja. Der Egun ist sehr bekannt.
GG: Ja, er ist bekannt. Er geht aus, geht zu jeder Tageszeit auf die
Straße, ganz problemlos…
PV: Er begrüßt die Leute, die Leute begrüßen ihn.
GG: Warum gibt es diesen Unterschied? Warum wurde das hier bei uns esoterischer?
PV: Weil es hier die Angst vor dem Tod gibt. Aber bei ihnen ist der Tod
etwas Vorübergehendes. Es gibt kein Paradies und es gibt keine Hölle.
GG: Die christliche Tradition ist nicht da…
PV: Man verschwindet für ein paar Monate und kommt wieder. Daher
heißt der Sohn baba tundé, "der Vater ist zurückgekehrt".
Ich hatte vor kurzem in Paris die Gelegenheit, mit dem Enkel von jemandem
zusammenzutreffen, den ich früher gekannt habe, den Herrn Postigianni.
Sein Sohn ist der Vertreter Benins bei der UNESCO und dessen Sohn wiederum
ist die Reinkarnation seines Vaters. Ich war bei ihm zum Essen eingeladen
und hatte das Vergnügen, wieder mit meinem Freund, Herrn Postigianni,
zu speisen. Ich sprach ihn sogar mit dem größten Respekt an
und sagte: "Erinnern Sie sich, wie ich 1943 ankam und Sie mich am
Flugzeug abgeholt haben…"
GG: Und erinnerte er sich?
PV: Der Junge hatte sich bereits daran gewöhnt, der eigene Großvater
zu sein.
GG: Der sein Enkel war.
PV: Der Sohn schien ganz zufrieden, als er sah, daß sein Sohn mein
Spiel mitspielte. Er selbst behandelte den eigenen Sohn mit dem allergrößten
Respekt, weil er wußte, daß dieser sein Vater war.
GG: (Lachen) Sohn und Vater in einem! Phantastisch diese Geschichte!
Wunderbar! Was für eine andere Welt!
PV: Wichtig ist, daß so Eifersuchtsgefühle unterbunden werden,
die der Sohn dem Vater gegenüber hegen könnte. Denn es kommt
vor, daß der Sohn der eigene Vater ist.
GG: Diese Vorstellung von Kontinuität, von Reinkarnation aus afrikanischer
Sicht, glauben Sie, daß sie der Interpretation von Reinkarnation
aus fernöstlicher Sicht ähnelt?
PV: Das ist genau das gleiche. Als ich in Kambodscha war, reizte es mich
ungemein, die dortigen Tempel aufzusuchen, um mich als buddhistischer
Mönch initiieren zu lassen, welcher nur mit einem Wolltuch bekleidet
und einer Holzschale und sonst nichts leben kann. Man ist morgens in die
Stadt gegangen, um Reis zum Essen zu erbitten. Allein die Tatsache, daß
sie einem etwas gaben, war gut für die Leute, die eine gute Tat vollbracht
hatten, die ihnen wiederum eine gute Reinkarnation in Aussicht stellte.
Und gleichzeitig konnte man leben, und es war gut für diese Leute,
gut zu dir zu sein.
GG: Nun, Verger, wenn man bedenkt, daß die christliche Sichtweise
so ganz anders ist, wie sehen Sie dann den Synkretismus? Welche Rolle,
so es ihn denn gibt, spielt der Synkretismus?
PV: Vermutlich gibt es gar keinen Synkretismus. Es gibt eine Annäherung
verschiedener Glaubensvorstellungen. Unser Freund Balbino zum Beispiel
sagt, daß, wenn man ein Glas mit Wasser und Öl füllt,
diese sich nicht miteinander vermischen. Er hat Momente, wo er zutiefst
katholisch ist, und er hat Momente, in denen er zutiefst ein Sohn Xangôs
ist. Mit derselben Aufrichtigkeit. Wie Dona Senhora akzeptiert er aber
keine anderen Christen. Wenn jemand im terreiro gläubig wurde, warf
sie diese Person hinaus, denn sie mochte die Jesusleute nicht. Das zeigt,
daß der Katholizismus einen besonderen Stellenwert für sie
hatte.
GG: Und glauben Sie, daß dies zur Verbindung der orixás
mit den katholischen Heiligen geführt hat?
PV: Das spielt eine große Rolle. Wenn sie zum Beispiel Xangô,
den energischen Gott des Donners, der die Menschen mit Hammerschlägen
tötet, mit dem Heiligen Hieronymus vergleichen, einem alten Gelehrten
mit einem Glatzkopf, der in einem Buch liest. Die Verbindung, die ich
gesehen habe, ist die, daß auf den Bildern des Heiligen Hieronymus
zu dessen Füßen ein Löwe ruht, und der Löwe wiederum
ist auch das Königssymbol der Yorubá.
GG: Glauben Sie, daß diese Vereinfachungen, wie sie durch den Synkretismus
entstanden sind, in Zukunft den völligen Verlust von religiöser
Qualität der orixás bedeuten könnten?
PV: Nein, weil ein Mensch gleichzeitig ebenso aufrichtig im einen wie
im anderen Glauben sein kann. Als Balbino und ich in Afrika eintrafen,
ist er zuerst in eine Kathedrale gegangen, um Gott zu danken, daß
er angekommen war. Kurz darauf haben wir einen Xangô-Tempel besucht,
er stimmte Gesänge von Xangô an, und alle haben mitgesungen.
GG: Ist eine solche Persönlichkeitsstruktur nicht schizophren? Bewirkt
das nicht eine tiefe Spaltung bei diesen Menschen? Im einen Augenblick
sind sie der gekreuzigte Christus und im nächsten Oxalá? Was
sehen Sie voraus? Wie werden diese Leute in der Zukunft sein?
PV: Ich weiß es nicht.
GG: Aber haben Sie keine Befürchtung, kein negatives Gefühl
in dieser Hinsicht?
PV: Nein. Alles ist möglich und vereinbar.
Das Gespräch endet mit Kommentaren zu alten Aufnahmen der Stadt Salvador
da Bahia:
GG: Bahia hatte zu jener Zeit nur drei-, vierhunderttausend Einwohner…
PV: Es gab kaum Autos, alle fuhren mit der Straßenbahn, diese berühmten
Straßenbahnen, die an der Seite offen und nach Sternbildern benannt
waren.
GG: Sie als Franzose, ein Mann von außerhalb, ein Ausländer,
wie haben die Leute von hier auf Sie reagiert?
PV: Ich erinnere mich nicht mehr. Ich weiß nur eins, daß mir
vor den fünfziger Jahren nicht aufgefallen war, daß es in Bahia
Weiße gab. Weil ich nur gesehen habe, was mich interessiert hat.
Ich dachte, es wäre eine Stadt der Schwarzen. Bis mich die UNESCO
bat, ein paar Fotos von Leuten unterschiedlicher Herkunft zu machen, erst
da entdeckte ich, daß es Weiße gab. (Lachen)
GG: Da entdeckten Sie, daß es Weiße gab! Wer waren die ersten
Weißen, die Sie in Bahia entdeckt haben? Als Sie diese Arbeit machten,
wer waren da zum Beispiel Ihre ersten Kontakte?
PV: Studenten, Künstler… Das war für das Buch von Tales
de Azevedo. Er war sehr gegen den candomblé eingestellt, die afrikanischen
Bräuche; sein Text ist sehr hart gegenüber den Leuten des candomblé,
er schreibt, sie seien eine Schande für Bahia.
GG: Haben Sie diese Arbeit mit ihm zusammen gemacht?
PV: Ja, für die UNESCO.
GG: Und wer waren diese weißen Leute? Beispielsweise die Intellektuellen,
die Künstler, Jorge Amado etwa. Wann und wie haben Sie Jorge Amado
kennengelernt?
PV: Ich lernte ihn kennen, als ich das erste Mal in Brasilien war, und
zwar 1940 in Rio. Danach traf ich mich mit ihm in Paris, bevor ich 1946
nach Brasilien zurückkehrte. In Rio hatte ich auch schon Carybé
und den Architekten Tobias kennengelernt.
GG: Und jetzt, arbeiten Sie an einem Buch? Machen Sie etwas Neues?
PV: Ich würde gerne. Ich habe ein paar Dinge, die vielleicht eines
Tages erscheinen werden.
GG: Und woran arbeiten Sie derzeit?
PV: Nun, das ist schwierig. Ich habe meine Papiere. Sie sind ein bißchen
durcheinander geraten. Ich muß sie neu ordnen. Und im Augenblick
bin ich todmüde, denn ich liege schon seit zwei Jahren im Bett.
GG: Sind Sie in Behandlung?
PV: Mir geht es jetzt schon viel besser.
GG: Die Nancy von Carybé hat mir gesagt, daß Sie einen Arzt
konsultiert haben.
PV: Ich war bei einem Capoeira-Arzt. Der war hervorragend.
GG: Das hat Ihnen bestimmt sehr gut getan. Natürlich brauchen Sie
jemanden, der sich um Sie kümmert.
PV: Mehr noch brauche ich meine alten Papiere!
GG: "Mehr noch brauche ich meine alten Papiere!" (Lachen). Aber Sie brauchen doch Zuwendung, Pflege, damit Sie Ihre Arbeit machen können. Na klar! Ihre Arbeit fortsetzen können… Genau das, Meister! Ich hätte gerne mehr Zeit, um herzukommen und mehr mit Ihnen reden zu können…
Übersetzung: Margrit Klingler-Clavijo und Uta
Nusser
© Veranstalter Schwarze Götter im Exil