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GG: Guten Tag, Meister! Wie geht es Ihnen? Und wie steht's
hier im Hause?
PV: Es geht so.
GG: Ist die ganze Stiftung hierher gezogen?
PV: Ich weiß nicht genau. Die Bücher sind
da, und ich habe eine ganze Reihe von Tonbandaufnahmen,
allerdings kein Gerät, um sie abzuspielen. (Lachen)
GG: Ihre Aufnahmen aus Afrika?
PV: Ja, das sind Dinge, die ich in Afrika gemacht habe.
GG: Aus der Zeit in Ibadan?
PV: Ja. Da war ich mehr als 15 Jahre.
GG: Waren Sie damals in Ibadan an der Universität
tätig?
PV: Ich war an den Universitäten von Ibadan, Oschogbo
und Ifé.
GG: In Oschogbo gibt es doch den Fluß der Göttin
Oxum.
PV: Ja, richtig. Das Fest von Oxum wird dort am 5. August
gefeiert.
GG: Und Sie sind 15 Jahre geblieben?
PV: Noch länger, fast 17 Jahre. Ich kam zuerst
für ein Jahr und kehrte dann immer wieder dorthin
zurück, was viel besser war, weil man keine Zeit
hatte, sich einzugewöhnen. Wenn man weggeht und
zurückkommt, heißt es jedes Mal: "Wie
schön, daß du wieder da bist!" (Lachen)
GG: Sind Sie damals schon wegen des candomblé
dorthin gegangen?
PV: Ja. Ich bekam das erste Stipendium, weil ich Fotos
von afrikanischen Festen in Recife gemacht hatte.
GG: Da waren Sie schon in Bahia gewesen, waren in Bahia?
PV: Ich war in Bahia, ja. Und in Recife war ich 1947.
Ich bin 1946 nach Bahia gekommen.
GG: Direkt aus dem Fernen Osten?
PV: Nein, von Peru aus.
GG: Von Peru aus. Dann hatten Sie den Fernen Osten
schon früher bereist?
PV: Ja, das war vorher.
GG: Warum sind Sie seinerzeit nach Fernost gegangen?
PV: Da war ich viel früher, 1934, während
des Krieges zwischen Japan und China, weil ich einen
Vertrag hatte, um Fotos zu machen als Bildmaterial für
Berichterstattungen…
GG: Über den Krieg?
PV: Ja, über den Krieg. So habe ich China, die
Philippinen und später auch Indochina kennengelernt.
GG: Von 1934 bis wann?
PV: Bis etwa 1940. Danach fuhr ich nach Mexiko und an
verschiedene Orte in Südamerika. Und schließlich
wurde ich nach Dakar geschickt.
GG: Nach Dakar?
PV: Ja.
GG: Immer noch als Fotokorrespondent?
PV: Nein, als französischer Soldat.
GG: Als Soldat?
PV: Als französischer Soldat.
GG: Aha! Das heißt, es erging Ihnen so ähnlich
wie Sartre. Sie waren Soldat und hatten dort eine Sonderaufgabe,
die nicht unbedingt der Krieg war: Sie machten Fotos.
(Lachen) Sie waren so etwas wie ein fotografierender
Soldat.
PV: Nein, ganz und gar nicht… Leider bringen
Nationalitäten unsinnige Dinge mit sich. Da mein
Vater Belgier war und eine Firma in Paris gründete,
wurde ich in Frankreich geboren. Ich studierte Französisch,
absolvierte den Militärdienst in Frankreich, und
sie drückten mir ein Gewehr in die Hand, um Deutsche
zu töten. Hätte mein Vater zufällig den
Zug nach Berlin genommen, wäre ich in Deutschland
geboren worden und hätte ein Gewehr erhalten, um
Franzosen zu töten. Das ist eben Patriotismus.
GG: Warum nun Ihr Beschluß, in Brasilien zu bleiben?
Denn bis dahin hatten Sie den Fernen Osten bereist,
waren in Mexiko und Peru gewesen, waren nach Afrika
zurückgekehrt und plötzlich beschließen
Sie, sich in Brasilien niederzulassen. Was hat Sie so
begeistert?
PV: Bahia besitzt einen gewissen Charme, der Ihnen womöglich
nicht weiter auffällt, weil Sie hier geboren sind.
GG: Welche anderen Länder haben den etwa nicht?
PV: Ja sicher. Und früher war der natürlich
noch viel größer als heute, aber es ist immer
noch genügend Charme vorhanden. Tatsache ist, daß
ich 5 Jahre in Peru bei den Indios gelebt hatte. Das
sind interessante Leute, aber ziemlich verschlossen.
Sie haben Schwierigkeiten, sich anderen mitzuteilen.
Als ich hierher kam, traf ich aufgeschlossene, nette
Leute, richtige Freunde. Dieses quicklebendige Ambiente,
das man hier vorfindet. Das erweckte in mir angenehme
Erinnerungen an alte Zeiten in Paris, als ich karibische
Tanzveranstaltungen besuchte, die Bal Nègre hießen.
Ich bin samstags oft dorthin gegangen, wo ich mit all
jenen Hausangestellten, Kellnerinnen und Chauffeuren
zusammenkam, die sich die Woche über von öden
Franzosen demütigen lassen mußten. Sie tranken
Zuckerrohrschnaps und tanzten viel. Das war die Atmosphäre,
die auch hier im Karneval herrscht, zum Beispiel beim
Samba auf dem mercado modelo.
GG: Wann war das genau?
PV: 1946, als ich nach Bahia kam. Ich fand diese Atmosphäre
wieder, wie ich sie bei den Leuten von den Antillen
in Paris erlebt hatte, und ich fühlte mich wohl
hier.
GG: Der erste Tag, als Sie hier ankamen… Waren
Sie wegen "Jubiaba" gekommen? Hatten Sie das
gelesen?
PV: Ja, ich hatte das Buch von Jorge Amado gelesen,
das mit dem Titel "Bahia de Tous les Saints"
ins Französische übersetzt worden war.
GG: Sind Sie mit dem Schiff hierher gereist?
PV: Ja, ich bin mit dem Schiff, der "Comandante
Capelo", hier angekommen. Wir brauchten zehn Tage
von Rio aus. Das war die letzte Fahrt dieses Dampfers.
Ich ging ins Hotel Chile, das hatte nach hinten raus
eine Dachkammer mit einem wunderbaren Blick auf den
Hafen. Die gibt es immer noch, allerdings steht jetzt
nebenan ein großes Gebäude, das die ganze
Sicht versperrt. Ich mochte diesen Ort sehr. Danach
habe ich einen Laden gemietet an der neuen Straße
nach Taboão. Das war auch ein sehr malerischer
Ort, vorbeiziehende Esel…
GG: Und Sie haben sich dort eine Art Atelier eingerichtet?
PV: Nein, das war im dritten Stock bei Nina Rodrigues,
in einem Labor in der Leichenhalle…
GG: Ja, daran erinnere ich mich.
PV: Über Piquecs, der war Gerichtsmediziner. Das
war das erste Mal in meinem Leben, daß ich mit
menschlichen Leichen zusammengelebt habe. (Lachen)
GG: Wie erklären Sie sich das Phänomen der
Vereinigung von orixás im bahianischen candomblé,
die aus verschiedenen Gegenden stammen, aus Nigeria,
Benin und sonstigen Ländern, mit einem Wort, die
Bantu-Seite. Sind Sie der Ansicht, daß sich die
orixás hier in Bahia vereint haben?
PV: Die Nagô-Yorubá waren ein Teil, die
Bantu der andere Teil, aber sie haben sich keineswegs
miteinander vermischt.
GG: Auch nicht hier in Bahia?
PV: Nein, sie haben sich nicht vermischt. Weil die Nagô-Yorubá-Leute
der großen candomblés von den anderen imitiert
wurden. Sie waren gewissermaßen die Lehrmeister
der anderen, die nicht einmal die Namen ihrer Götter
in der eigenen Sprache kannten und die Nagô imitierten.
Ich interessierte mich daher mehr für die Nagô,
das war naheliegender. Vor allem, weil ich in Afrika
bei ihnen gelebt hatte und es mir gelungen war, da recht
tief einzudringen. Und zwar dank des Wissens, das ich
dort erworben hatte. Das ermöglichte mir, mit diesen
Leuten zusammenzusein, ohne je etwas fragen zu müssen.
Ich lebte mit den Leuten, als wäre das, was sie
tun, ganz natürlich, weil ich wußte, wie
ich mich zu verhalten hatte. Als ich mit dem Halsschmuck
von Xangô ankam, den Dona Senhora mir angefertigt
hatte, weil ich vor meiner Abreise eine Initiation bei
ihr gemacht hatte, sahen die Leute, daß ich gewisse
Dinge wußte. Als ich vor Xangôs Altar stand,
rief ich "Kawo kabiyesi lé", vor dem
Altar von Oxum "Oraieieo" und bei Oxalá
"Epababá". Gott sei Dank war es das,
was ich sagen mußte.
GG: (Lachen)
PV: Es geht darum, sich für einen der Ihren zu
halten.
GG: Und die Trance, die Verkörperung des orixá?
PV: Für mich ist das keine Verkörperung. Für
mich ist das eine Manifestation der wahren Natur des
Menschen. Eine Möglichkeit, alles zu vergessen,
was nichts mit einem selbst zu tun hat. Wie ich, Franzose
zu sein, um Deutsche zu töten. All das ist in einem
drin, existierte schon, ehe man diesen Blödsinn
lernte, das mit den Nationalitäten und anderen
Verhaltenszwängen.
GG: Haben Sie dieses totale Vergessen selbst erlebt?
PV: Leider nicht. Weil ich ein Idiot von einem Franzosen
bin, ein Rationalist. Ich komme nicht vor in dieser
Geschichte, weil ich nicht an diese Dinge glaube.
GG: Warum meinen Sie, daß Exú der menschlichste
aller orixás ist?
PV: Weil er Fehler hat. Er hat Fehler und gute Eigenschaften.
Das ist für eine Gottheit unerträglich.
GG: Aber die haben die anderen orixás doch auch.
Ogum tötete, konnte pervers sein, vergewaltigte,
bereute es eines Tages und beschloß, sich zu zu
begraben!
PV: Ja, wer Wasser im Gesicht hat, wäscht sich
mit Blut.
GG: Und Xangô auch?
PV: Xangô auch.
GG: Dann sind sie in diesem Sinne alle menschlich.
Warum glauben Sie, daß Exú noch menschlicher
ist als die anderen?
PV: Weil er Makel und Vorzüge gleichermaßen
besitzt.
GG: Das ist das Charakteristische an ihm. Darin besteht
die ihm eigene Qualität!
PV: Und er besitzt auch diese leicht erotische Seite,
die ziemlich menschlich ist.
GG: Na klar,… klar.
Etwas anderes, Verger, und zwar das Buch hier über
die Heilkräuter. Haben Sie dieses ganze Wissen
sowohl in Bahia als auch in Afrika katalogisiert, vor
allem aber in Afrika?
PV: Ja, hauptsächlich in Afrika. Allerdings hat
mich die Sache anfangs nicht besonders interessiert.
Und darum ist es zustandegekommen.
GG: Hatten Sie Gelegenheit, viele von diesen Rezepturen
auszuprobieren? Oder haben Sie nur die Informationen
gesammelt?
PV: Ich habe die Dinge nur aufgeschrieben. Eigentlich
berührte mich das nicht. Und gerade deshalb hat
es funktioniert…
GG: …und weil es Sie nicht interessierte, haben
Sie gefragt: Warum dies? Warum das?
PV: Ein "Warum" gibt es in meinem Vokabular
nicht.
GG: Gewiß, gewiß…
Nun bis zu welchem Punkt… Sie sagen ja selbst,
daß Sie kein Glücksempfinden verspürten,
kein Glück hatten… kurzum, inwieweit haben
Sie in der Trance die vollkommene Erfahrung der Realität,
das absolute Vergessen im orixá, die Hingabe
an die reine Energie, etc., etc. erlebt? Bis zu welchem
Punkt fühlten Sie sich als Verstandesmensch, als
Franzose, als Mensch, der dem fern ist, und bis zu welchem
Punkt fühlen Sie sich heute dieser Welt der Yorubá,
dieser Welt der orixás, zugehörig?
PV: Mehr als Bewunderer. Ich bewundere, was diese Religion
für die Nachfahren der Afrikaner zu tun vermag.
Als Beispiel möchte ich Balbino anführen.
Als ich ihn kennenlernte, war er ein kleiner Okra-Verkäufer
auf dem Markt, allerdings ein Mensch, der, wie heute,
vollauf mit sich zufrieden war. Er selbst fühlte
sich von niemandem gedemütigt und redete mit jedem
wie mit seinesgleichen, weil er der Sohn Xangôs
ist. Das ist großartig. Er ist kein schüchterner
Typ, der von den Leuten beschützt werden wollte,
im Gegenteil, er fühlte sich imstande, andere zu
beschützen, er, der keinen Cent in der Tasche hatte.
Er war ein Sohn Xangôs…
GG: Haben Sie diese Art von innerer Gelöstheit
noch bei einem anderen Menschen erlebt? Kennen Sie noch
ein anderes typisches Beispiel?
PV: Ja, und zwar eine Frau, eine Dame von einer gewissen
körperlichen Majestät, die Obst auf dem Markt
feilbot. Ihr Verkaufsstand hieß bezeichnenderweise
"Die Siegerin", was schon alles besagt. Und
sie trank ausschließlich Vencedor-Wein [d.h. Siegerwein].
Der schmeckt mir auch… Das alles machte eine Person,
die eigentlich nur eine einfache Gemüsehändlerin
war, zu einer Frau von Würde, die von jedermann
respektiert wurde.
GG: Sie glauben nun, daß dieser Aspekt, die afrikanische
Kultur, ihre Bräuche, ihre Religion, etc. für
das Volk von Bahia, für das schwarze Volk von Bahia,
eine tiefere Bedeutung hat. Wie sehen Sie dies im Hinblick
auf ganz Brasilien? Werden die afrikanischen Elemente
Brasilien helfen, seine eigene Identität zu offenbaren?
Wie denken Sie darüber?
PV: Interessant ist, daß die einzelnen Religionen
respektvoll miteinander umgehen. Denn wer von Xangô
abstammt, wird niemanden von Oxum oder irgend jemand
anderen verachten. Ich stamme von Xangô, du von
Oxum, alles klar; man versteht und ergänzt sich
und hat keine Probleme miteinander. Wenn man bedenkt,
was zwischen Protestanten und Katholiken alles geschieht,
die bringen sogar hier die Gläubigen um. Da passieren
ganz fürchterliche Dinge.
GG: Und Sie glauben, daß diese tief empfundene
Toleranz, dieses tief verankerte Verständnis, diese
Akzeptanz des anderen, was charakteristisch für
die afrikanischen Religionen ist, grundlegende Bedeutung
für Bahia hat? Sind Sie der Meinung, daß
auch Brasilien davon durchdrungen ist?
PV: Allem Anschein nach ja. Der Katholik bringt Leute
um, die keine Katholiken sind. Hier ist es genau das
Gegenteil. Jeder hat seinen Heiligen, seinen Namen,
seinen besonderen Charakter und respektiert den anderen.
Und es kommt keiner daher und zwingt einen, an seine
Ahnen zu glauben oder nicht. Das gibt es nicht, weil
er den anderen, der andere Gaben, Eigenschaften und
Fähigkeiten besitzt, von Grund auf respektiert.
GG: Nun zu Ihrem Bildband "Retratos da Bahia",
ein sehr schönes Buch, das Sie Dona Senhora gewidmet
haben. Sie haben mir gesagt, daß das Leben früher
besser war…
PV: Na klar! Erstens, weil ich jünger war! (Lachen)
GG: (Lachen) Glauben Sie tatsächlich, daß
es besser war?
PV: Es war zweifellos besser. Damals kamen die Leute
so gegen fünf nach Hause, duschten sich mit einer
Kalebasse ab, weil es kein fließendes Wasser gab.
Man setzte sich auf einen Stuhl vors Haus, unterhielt
sich mit dem Nachbarn, klatschte ab und zu in die Hände
und tanzte eine kleine samba ronda. Heute ist das nicht
mehr so. Die Leute kommen nach Hause, um sich diese
kommerziellen Fernsehsendungen anzuschauen, und keiner
kennt den Nachbarn.
GG: Wie sahen damals die Armenviertel aus? Auf der
einen Seite gab es das Zentrum von Salvador, das Santo
Antonio, das Carmo, die Rua Chile, die Avenida Sete,
das Barra, das Graça, schließlich das Rio
Vermelho, das schon ein ärmlicheres Viertel war…
Sind Sie auch in die Armenviertel an der Peripherie
gegangen?
PV: Selbstverständlich bin ich da gewesen.
GG: Wo sind Sie beispielsweise hin und wieder hingegangen?
Waren Sie in Itapoa?
PV: Ich bin bis zum Amaralina rausgelaufen, um am Ozean
Kokoswasser zu trinken und einen Strandspaziergang zu
machen.
GG: Da gab es damals schon ein Fischerdorf im Nordosten
vom Amaralina.
PV: Aber noch keine Straße. Man mußte zu
Fuß dorthin gehen.
GG: Und auf dieser Seite der Halbinsel von Itapagipe,
Paripe, Peri Peri, sind Sie auch in diesen Ortschaften
gewesen? Haben Sie die auch besucht?
PV: Ja, ich war dort. Ich bin oft zur Insel gegangen,
um das terreiro de Egun aufzusuchen. Wir gingen samstags
los, verbrachten den Sonntag dort und kamen Montag morgen
wieder zurück.
GG: Das war meines Wissens damals das einzige terreiro
de Egun in Brasilien.
PV: Ja. Der Egun ist sehr bekannt.
GG: Ja, er ist bekannt. Er geht aus, geht zu jeder
Tageszeit auf die Straße, ganz problemlos…
PV: Er begrüßt die Leute, die Leute begrüßen
ihn.
GG: Warum gibt es diesen Unterschied? Warum wurde das
hier bei uns esoterischer?
PV: Weil es hier die Angst vor dem Tod gibt. Aber bei
ihnen ist der Tod etwas Vorübergehendes. Es gibt
kein Paradies und es gibt keine Hölle.
GG: Die christliche Tradition ist nicht da…
PV: Man verschwindet für ein paar Monate und kommt
wieder. Daher heißt der Sohn baba tundé,
"der Vater ist zurückgekehrt". Ich hatte
vor kurzem in Paris die Gelegenheit, mit dem Enkel von
jemandem zusammenzutreffen, den ich früher gekannt
habe, den Herrn Postigianni. Sein Sohn ist der Vertreter
Benins bei der UNESCO und dessen Sohn wiederum ist die
Reinkarnation seines Vaters. Ich war bei ihm zum Essen
eingeladen und hatte das Vergnügen, wieder mit
meinem Freund, Herrn Postigianni, zu speisen. Ich sprach
ihn sogar mit dem größten Respekt an und
sagte: "Erinnern Sie sich, wie ich 1943 ankam und
Sie mich am Flugzeug abgeholt haben…"
GG: Und erinnerte er sich?
PV: Der Junge hatte sich bereits daran gewöhnt,
der eigene Großvater zu sein.
GG: Der sein Enkel war.
PV: Der Sohn schien ganz zufrieden, als er sah, daß
sein Sohn mein Spiel mitspielte. Er selbst behandelte
den eigenen Sohn mit dem allergrößten Respekt,
weil er wußte, daß dieser sein Vater war.
GG: (Lachen) Sohn und Vater in einem! Phantastisch
diese Geschichte! Wunderbar! Was für eine andere
Welt!
PV: Wichtig ist, daß so Eifersuchtsgefühle
unterbunden werden, die der Sohn dem Vater gegenüber
hegen könnte. Denn es kommt vor, daß der
Sohn der eigene Vater ist.
GG: Diese Vorstellung von Kontinuität, von Reinkarnation
aus afrikanischer Sicht, glauben Sie, daß sie
der Interpretation von Reinkarnation aus fernöstlicher
Sicht ähnelt?
PV: Das ist genau das gleiche. Als ich in Kambodscha
war, reizte es mich ungemein, die dortigen Tempel aufzusuchen,
um mich als buddhistischer Mönch initiieren zu
lassen, welcher nur mit einem Wolltuch bekleidet und
einer Holzschale und sonst nichts leben kann. Man ist
morgens in die Stadt gegangen, um Reis zum Essen zu
erbitten. Allein die Tatsache, daß sie einem etwas
gaben, war gut für die Leute, die eine gute Tat
vollbracht hatten, die ihnen wiederum eine gute Reinkarnation
in Aussicht stellte. Und gleichzeitig konnte man leben,
und es war gut für diese Leute, gut zu dir zu sein.
GG: Nun, Verger, wenn man bedenkt, daß die christliche
Sichtweise so ganz anders ist, wie sehen Sie dann den
Synkretismus? Welche Rolle, so es ihn denn gibt, spielt
der Synkretismus?
PV: Vermutlich gibt es gar keinen Synkretismus. Es gibt
eine Annäherung verschiedener Glaubensvorstellungen.
Unser Freund Balbino zum Beispiel sagt, daß, wenn
man ein Glas mit Wasser und Öl füllt, diese
sich nicht miteinander vermischen. Er hat Momente, wo
er zutiefst katholisch ist, und er hat Momente, in denen
er zutiefst ein Sohn Xangôs ist. Mit derselben
Aufrichtigkeit. Wie Dona Senhora akzeptiert er aber
keine anderen Christen. Wenn jemand im terreiro gläubig
wurde, warf sie diese Person hinaus, denn sie mochte
die Jesusleute nicht. Das zeigt, daß der Katholizismus
einen besonderen Stellenwert für sie hatte.
GG: Und glauben Sie, daß dies zur Verbindung
der orixás mit den katholischen Heiligen geführt
hat?
PV: Das spielt eine große Rolle. Wenn sie zum
Beispiel Xangô, den energischen Gott des Donners,
der die Menschen mit Hammerschlägen tötet,
mit dem Heiligen Hieronymus vergleichen, einem alten
Gelehrten mit einem Glatzkopf, der in einem Buch liest.
Die Verbindung, die ich gesehen habe, ist die, daß
auf den Bildern des Heiligen Hieronymus zu dessen Füßen
ein Löwe ruht, und der Löwe wiederum ist auch
das Königssymbol der Yorubá.
GG: Glauben Sie, daß diese Vereinfachungen, wie
sie durch den Synkretismus entstanden sind, in Zukunft
den völligen Verlust von religiöser Qualität
der orixás bedeuten könnten?
PV: Nein, weil ein Mensch gleichzeitig ebenso aufrichtig
im einen wie im anderen Glauben sein kann. Als Balbino
und ich in Afrika eintrafen, ist er zuerst in eine Kathedrale
gegangen, um Gott zu danken, daß er angekommen
war. Kurz darauf haben wir einen Xangô-Tempel
besucht, er stimmte Gesänge von Xangô an,
und alle haben mitgesungen.
GG: Ist eine solche Persönlichkeitsstruktur nicht
schizophren? Bewirkt das nicht eine tiefe Spaltung bei
diesen Menschen? Im einen Augenblick sind sie der gekreuzigte
Christus und im nächsten Oxalá? Was sehen
Sie voraus? Wie werden diese Leute in der Zukunft sein?
PV: Ich weiß es nicht.
GG: Aber haben Sie keine Befürchtung, kein negatives
Gefühl in dieser Hinsicht?
PV: Nein. Alles ist möglich und vereinbar.
Das Gespräch endet mit Kommentaren zu alten Aufnahmen
der Stadt Salvador da Bahia:
GG: Bahia hatte zu jener Zeit nur drei-, vierhunderttausend
Einwohner…
PV: Es gab kaum Autos, alle fuhren mit der Straßenbahn,
diese berühmten Straßenbahnen, die an der
Seite offen und nach Sternbildern benannt waren.
GG: Sie als Franzose, ein Mann von außerhalb,
ein Ausländer, wie haben die Leute von hier auf
Sie reagiert?
PV: Ich erinnere mich nicht mehr. Ich weiß nur
eins, daß mir vor den fünfziger Jahren nicht
aufgefallen war, daß es in Bahia Weiße gab.
Weil ich nur gesehen habe, was mich interessiert hat.
Ich dachte, es wäre eine Stadt der Schwarzen. Bis
mich die UNESCO bat, ein paar Fotos von Leuten unterschiedlicher
Herkunft zu machen, erst da entdeckte ich, daß
es Weiße gab. (Lachen)
GG: Da entdeckten Sie, daß es Weiße gab!
Wer waren die ersten Weißen, die Sie in Bahia
entdeckt haben? Als Sie diese Arbeit machten, wer waren
da zum Beispiel Ihre ersten Kontakte?
PV: Studenten, Künstler… Das war für
das Buch von Tales de Azevedo. Er war sehr gegen den
candomblé eingestellt, die afrikanischen Bräuche;
sein Text ist sehr hart gegenüber den Leuten des
candomblé, er schreibt, sie seien eine Schande
für Bahia.
GG: Haben Sie diese Arbeit mit ihm zusammen gemacht?
PV: Ja, für die UNESCO.
GG: Und wer waren diese weißen Leute? Beispielsweise
die Intellektuellen, die Künstler, Jorge Amado
etwa. Wann und wie haben Sie Jorge Amado kennengelernt?
PV: Ich lernte ihn kennen, als ich das erste Mal in
Brasilien war, und zwar 1940 in Rio. Danach traf ich
mich mit ihm in Paris, bevor ich 1946 nach Brasilien
zurückkehrte. In Rio hatte ich auch schon Carybé
und den Architekten Tobias kennengelernt.
GG: Und jetzt, arbeiten Sie an einem Buch? Machen Sie
etwas Neues?
PV: Ich würde gerne. Ich habe ein paar Dinge, die
vielleicht eines Tages erscheinen werden.
GG: Und woran arbeiten Sie derzeit?
PV: Nun, das ist schwierig. Ich habe meine Papiere.
Sie sind ein bißchen durcheinander geraten. Ich
muß sie neu ordnen. Und im Augenblick bin ich
todmüde, denn ich liege schon seit zwei Jahren
im Bett.
GG: Sind Sie in Behandlung?
PV: Mir geht es jetzt schon viel besser.
GG: Die Nancy von Carybé hat mir gesagt, daß
Sie einen Arzt konsultiert haben.
PV: Ich war bei einem Capoeira-Arzt. Der war hervorragend.
GG: Das hat Ihnen bestimmt sehr gut getan. Natürlich
brauchen Sie jemanden, der sich um Sie kümmert.
PV: Mehr noch brauche ich meine alten Papiere!
GG: "Mehr noch brauche ich meine alten Papiere!"
(Lachen). Aber Sie brauchen doch Zuwendung, Pflege,
damit Sie Ihre Arbeit machen können. Na klar! Ihre
Arbeit fortsetzen können… Genau das, Meister!
Ich hätte gerne mehr Zeit, um herzukommen und mehr
mit Ihnen reden zu können…
Übersetzung: Margrit Klingler-Clavijo und Uta Nusser
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