Schwarze Götter im Exil / Pierre Verger
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Pierre Verger - Biografie
1902
Geburt von Pierre Edouard Léopold Verger am 4. November in Paris
als mittlerer von drei Söhnen einer belgisch-deutschen Familie.
1909-20
Besuch des Lycée Janson de Sailly in Paris, Technische Studien
an der École Bréguet, Ausschluss wegen Indiszipliniertheit.
ab 1920
Eintritt in die Familiendruckerei, die nach dem Tod des Vaters 1915 von
drei seiner Onkel betrieben wird; nach Militärdienst Leben als junger
wohlhabender Dandy, Ferien in Deauville.
1932-33
Tod der Mutter; erste Fotoaufnahmen in Korsika zusammen mit dem Fotografen
Pierre Boucher; Reise durch die UdSSR anlässlich des 15. Jahrestages
der Oktoberrevolution; Aufbruch nach Tahiti und den Kleinen Osterinseln.
1934
Rückkehr nach Paris, wo seine Fotos in einer Südseeausstellung
des Ethnographischen Museums (heute Musée de l'Homme) gezeigt werden;
Bekanntschaft mit den Wissenschaftlern Georges-Henri Rivière, Marcel
Griaule, Germaine Dieterlen, Michel Leiris und seinem späteren Freund
Alfred Métraux. Anschluss an die "Prévert-Gruppe";
Reise um die Welt im Auftrag von "Paris-Soir": USA, Japan, China,
Philippinen, Singapur, Colombo und Djibouti; in London Veröffentlichungen
im "Daily Mirror"; Gründung von "Alliance Photo"
in Paris, einer Agentur unabhängiger Fotografen, zusammen mit Pierre
Boucher, René Zuber, Émeric Féher, Denise Bellon
und später Robert Capa.
1935
Fahrradreisen durch Europa; bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges
Festnahme als mutmaßlicher deutscher Spion; in Paris Beginn einer
mehr als 30-jährigen Zusammenarbeit mit dem Verleger Paul Hartmann;
Abreise nach Schwarzafrika über Algerien; Aufbruch in die Sahara,
mit einer Kamelexpedition zu den Tuareg im Adrar des Iforas.
1936
Weiterreise nach Kidal, Timbuktu, Mopti, San, Ségou, Bamako, Ouahigouya,
Togo und Dahomey (heute Benin) in die Regionen der Sombas und der Tanguiétas;
Dosso (Niger); Rückreise per Bus nach Algier über Tamanrasset;
in Paris richtet er in einer Dachkammer sein eigenes Fotolabor ein; Einschiffen
in die Karibik, in Santo Domingo Fotografierbeschränkungen durch
das Regime von Diktator Trujillo; von Havanna Weiterreise nach Mexiko-Stadt,
Besuch der Kultstätten in Teotihuacán, Xochimilco, Oaxaca,
Tehuantepec und Yucatán; Busreise durch die USA.
1937
Fotografiert die Pariser Weltausstellung; ist in der Ausstellung "Photography
1839-1937" des Museum of Modern Art New York vertreten; wird von
"Alliance Photo" beauftragt, den chinesisch-japanischen Krieg
zu dokumentieren; Reise nach China mit der transsibirischen Eisenbahn;
Aufenthalt in Manila und der nördlich gelegenen Region Baguio bei
Kopfjägerstämmen.
1938
Aufbruch nach Französisch-Indochina, entlang des "Schwarzen
Flusses" nach Lai Chan; Zwischenstop in der kaiserlichen Stadt Hué,wo
er den machtlosen Kaiser Bao-Dai fotografiert; ein Monat Aufenthalt in
Kambodscha, Entdeckung der Tempel von Angkor; zurück in Paris Einberufung
durch die französische Armee; nach der Demobilisierung für "Paris
Match" im Vatikan.
1939
Viermonatiger Aufenthalt in Mexiko-Stadt, fotografiert dank der Vermittlung
von Freunden des Prévert-Kreises und der "Groupe Octobre"
Leo Trotzki; wird im Zug nach Guatemala ausgeraubt; Reise über Antigua
zum Panamakanal; nach Kriegsausbruch in Europa Odyssee durch Südamerika;
reist von Rio in den Senegal.
1940-41
In Dakar sofortiger Einzug zur Armee; Rückkehr nach Südamerika
über Casamance, Guinea-Bissau und die Kapverdischen Inseln; finanzielle
Schwierigkeiten in Buenos Aires; schlecht honorierte Beiträge für
die Zeitungen "El Mundo Argentino" und "Argentina Libre";
lebt bei einer Gruppe von Zigeunern.
1942-43
Durchquerung Boliviens; Juli: Ankunft in Peru; Stelle als Fotograf beim
Nationalmuseum in Lima; wechselnder Aufenthalt in Lima und Cuzco, von
wo aus er das Gebiet der Quechua- und Aymara-Indios auf den Hochplateaus
bereist.
1944-45
Aufkündigung seiner Fotografenstelle im Nationalmuseums in Lima;
erhält von der Rubber Development Corporation den Auftrag, die Latexgewinnung
in den Amazonasregionen Perus zu fotografieren; schwerer Malariaanfall
in Lima.
1946
Von Peru aus Reise durch Bolivien nach São Paulo; Freundschaft
mit dem Ethnologen Roger Bastide, der ihn ermutigt, das afrikanische Brasilien
kennenzulernen; erhält in Rio eine Aufenthaltsgenehmigung dank der
Wochenzeitschrift "O Cruzeiro", für die er lange Zeit als
Fotograf tätig sein wird; Ankunft im Hafen von Salvador da Bahia;
Freundschaft mit dem Schriftsteller Jorge Amado, dem Sänger Dorival
Caymmi, dem humanistischen Gelehrten Vivaldo Costa Lima, dem Bildhauer
Mário Cravo Júnior, dem argentinischen Maler Carybé,
dem Sammler Mirabeau Sampáio; Entstehung von Fotoreportagen über
traditionelle Feste, "candomblés", Volkskünstler
und Poeten.
1947-48
Angebot eines einjährigen Stipendiums der École Française
d'Afrique in Dakar (Senegal); begleitet Alfred Métraux nach Niederländisch-Guyana;
Wiedersehen in Haïti, wohnt im Centre d'Art zur Förderung haïtianischer
Volkskünstler; Recherchen über die Ursprünge des Voudou
in Dahomey; Abreise nach Dakar, wo er die Wechselbeziehungen afrikanischer
Kulte auf beiden Seiten des Atlantiks untersucht.
1949-50
Entdeckt bei Tibúrcio dos Santos in Ouidah (Dahomey) Dokumente
über den Sklavenhandel; Ausgangspunkt für 17 Jahre Forschungsarbeit
über die Beziehungen zwischen dem Golf von Benin und Bahia de Todos
os Santos sowie den brasilianischen Einfluss vor allem in Westafrika;
Zusammenarbeit mit der in Nigeria lebenden österreichischen Künstlerin
Susanne Wenger.
1951-52
Auftrag von Paul Hartmann für eine Fotoreportage über Belgisch-Kongo;
Dampferfahrt den Kongofluss aufwärts von Leopoldville nach Stanleyville;
Vordringen in die Ituri-Wälder; fotografiert in Ruanda den Watusi-Stamm;
Besuch der Katanga-Minen.
1953-56
Initiation von Pierre Verger in Ketou, wo er den Namen "Fatumbi"
und den Titel "babalaô" (Vater des Geheimnisses) erhält,
der ihm Zugang zum mündlich überlieferten Wissen der Yorubá
eröffnet; auf der Insel Gorée Magisterarbeit für das
Institut Français d'Afrique Noire (IFAN) in Dakar und für
Paul Hartmann das Buch "Dieux d'Afrique"; Rückkehr nach
Bahia.
1957
Reise nach Kuba wegen Aufnahmen von Ernest Hemingway für "O
Cruzeiro"; Erkundung der gesamten Insel; trifft Lydia Cabrera, eine
Expertin der kubanischen Santería-Kulte; nimmt gemeinsam mit ihr
und Alfred Métraux an "Vodun"-Zeremonien teil; Reisen
durch Mexiko und Brasilien.
1962
Ernennung zum Mitglied des Centre National de la Recherche Scientifique
(CNRS) in Frankreich, wo er im Januar 1972 Forschungsdirektor wird.
1966
Promotion an der Sorbonne in Paris mit einer Doktorarbeit zum Thema des
Schwarzen Sklavenhandels zwischen dem Golf von Benin und Bahia vom 17.
- 19. Jahrhundert.
1968
Mit Unterstützung des französischen Botschafters in Benin Umwandlung
des alten portugiesischen Forts von Ouidah in ein Museum der brasilianischen
Diaspora.
1973
Dreharbeiten für die Fernsehdokumentation "Die Brasilianer Afrikas
und die Afrikaner Brasiliens" unter Mitwirkung seines Freundes Balbino
Daniel de Paula.
1974
Honorarprofessur an der Universidade Federal da Bahia, die ihm künftig
ein bescheidenes Auskommen ermöglicht.
1977
Nach mehreren vorangegangenen Aufenthalten in Nigeria Einladung zu einer
Gastprofessur an der Universität von Ifé, die er nach drei
Jahren beendet.
1979
Dauerhafte Rückkehr nach Bahia; Kontakt zum Verlag Editora Corrupio,
der eine Reihe von Fotobänden Vergers herausgibt.
1988
28. März: Gründung der Fundação Pierre Verger,
die heute in seinem 1960 erworbenen Haus in der Vila América in
Salvador ihren Sitz hat.
1989
Vorträge über Yorubá-Heilpflanzen in Frankreich gemeinsam
mit der französischen Ethnobotanikerin Ming Anthony, mit der er 1993
auch in Heidelberg einen Vortrag über das Gedächtnis stärkende
Pflanzen hält.
1993
Februar: Reise nach Benin zum "1er Festival des Cultures Vodoun"
und zur Wiedereröffnung des historischen Museums in Ouidah; Ausstellung
"Le Messager: photographies 1932-1962" im Musée de l'Élysée
in Lausanne und anschließend im Pariser Musée National des
Arts Africains et Océaniens.
1994-95
Aufbruch zur letzten Europareise mit Aufenthalten in Paris und London,
wo er an einer Festwoche zu Ehren von Künstlern und Intellektuellen
aus Bahia teilnimmt; Verschlechterung des Gesundheitszustandes auf Grund
der Reisestrapazen, daher Ende Juli Rückflug nach Salvador; Veröffentlichung
seines letzten Werkes "Ewé, o uso das plantas na Sociedade
Iorubá" bei Editora Schwarcz in São Paulo.
1996
Neuauflage seines Lieblingsbuches "Dieux d'Afrique" durch Editions
Revue Noire in Paris; letztes Interview mit Gilberto Gil wenige Tage vor
seinem Tod am 11. Februar.
© Veranstalter Schwarze Götter im Exil