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Ethnographie und Photographie
Von Pierre Verger
Die folgenden Photographien wurden im Laufe verschiedener Reisen durch
zwei Kontinente in Dahomey und Brasilien, gewissermaßen
auf einer Wallfahrt von Quelle zu Quelle, aufgenommen.
Es liegt ihnen ein gemeinsames Thema zu Grunde, denn
es beziehen sich alle auf afrikanische Religionen; Religionen,
die zu Zeiten des Sklavenhandels von den Schwarzen selbst
aus der afrikanischen Heimat nach dem neuen Kontinent
übertragen wurden.
Um 1946 kehrte ich zu kurzem Aufenthalt nach Brasilien
zurück; allein, der Zauber der "boa terra",
wie Salvador, die Hauptstadt des Staates Bahia, genannt
wird, verwandelte den für wenige Wochen vorgesehene
Aufenthalt in einen mehrere Jahre dauernden.
In ganz Brasilien herrscht ein großzügig
toleranter Geist, doch in Bahia scheinen sich die Rassenbeziehungen
am herzlichsten gestaltet zu haben. Alle religiösen
Äußerungen genießen weitgehende Toleranz,
so dass der Kult um gewisse afrikanische Gottheiten
sich bewundernswert echt zu erhalten vermochte und zu
sehr schönen öffentlichen Zeremonien Anlass
gibt.
Als ich einer solchen Kundgebung beiwohnte, erwachte
in mir die Sehnsucht, eine 1936 unternommene, allzu
kurze Reise nach Westafrika zu wiederholen. Meinem Wunsch
wurde durch ein Stipendium des Institut Francais d'Afrique
Noire in Dakar herrliche Erfüllung gewährt:
Ich wurde beauftragt, dem Ursprung dieser Kulturen nachzuforschen.
Im Vorliegenden befassen wir uns besonders mit den
Offenbarungen der Orishas *) und Voduns von Nigeria und
Dahomey. Es ist nicht leicht, das Wesen dieser Gottheiten
und der ihnen geweihten Zeremonien in wenigen Worten
zu umschreiben. Im Wesentlichen handelt es sich um Naturkräfte,
die im Laufe der Zeit durch ein komplexes Bündnissystem
den Menschen näher gebracht, fixiert, gezähmt
und schließlich zu Schutzgöttern verwandelt
worden sind; als Gottheiten sind sie zu Orishas *) und
Voduns geworden. Sie sind es, die sich im Verlauf der
Kulturzeremonien in den Trancezuständen ihrer Nachkommen
offenbaren, mögen diese in Afrika verblieben, oder
in ferne Länder verpflanzt worden sein.
Gleichwie im schwarzen Erdteil die mystische Verbindung
mit den vergötterten Ahnen dauernd und lebendig
geblieben ist, leben auch die afrikanischen Zeremonien
in Brasilien von dieser Verbindung der Götter,
der Toten und der Lebenden. Die "Candomblé *)"
stehen mit einem fast greifbaren Himmelreich in Verbindung
und der Gläubige ruft seine Gottheiten unmittelbar
an, erfleht ihren Schutz und genießt ihr Wohlwollen.
Im Laufe meiner Studien erwies sich mein Werkzeug,
die Photographie, als wertvollstes Hilfsmittel; sie
ergab die unersetzliche Verständigungsmöglichkeit
zwischen mir und denen, die ich zu erforschen hatte.
So schufen die Bilder, die ich in Brasilien von gewissen
Zeremonien genommen hatte, wenn ich sie in Afrika zeigte,
ein unmittelbares Verständnis, eine Atmosphäre
des Interesses und der Sympathie, welche meinen Nachforschungen
zugute kam. Die Gedanken, durch das photographische
Dokument sichtbar gemacht, wurden zu einer viel prägnanteren,
allgemeinverständlichen Sprache. Weit besser, als
es abstrakte Auslegungen vermocht hätten, ermöglichte
es die Photographie, den Afrikanern zu zeigen, dass
ihre Vettern in Brasilien, von deren Verschleppung in
die Sklaverei sie wussten, ohne je von ihnen selbst
gehört zu haben, dem Glauben ihrer Vorfahren noch
immer treu huldigten. Der Mann aus Dahomey und aus Nigeria
erkannte, dass die symbolischen Kultgegenstände,
den Ablauf gewisser Zeremonien, den ihren sehr verwandt
waren. Mancher behauptete sogar, es handle sich um Aufnahmen
aus einem Nachbardorf; man musste ihnen an Hand gewisser
Einzelheiten, wie der Gegenwart hellhäutiger Mestizen
und der ganz anderen Kleidung, erst ihren Irrtum klar
machen.
(Veröffentlicht in: Camera,
1956)
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